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    Department of Cultural Studies of East- and South-Asia

    Hindi in Varanasi

    Bericht über die landeskundliche Exkursion „Exploring Language, Literature and Culture from a Banarsi Perspective“ gefördert durch die DAAD- Initiative „A New Passage to India“

    New Delhi und Varanasi, 12.02. – 28.02.2015
    Lisa-Marie Reuter, Lehrstuhl für Indologie

    Im Februar 2015 reiste eine Gruppe von sieben Studierenden des Lehrstuhls für Indologie Würzburg mit einer Begleitperson nach Nordindien, um im Rahmen einer landeskundlichen Exkursion das literarische und kulturelle Leben der Stadt Varanasi kennenzulernen. Der 12-tägige Aufenthalt wurde mit Mitteln der DAAD-Initiative „A New Passage to India“ finanziert.

    Vorbereitung in Deutschland

    Zur Vorbereitung auf die Exkursion besuchten die Studierenden im Wintersemester 2014/15 das Seminar „Vier Hindi Autoren aus Benares. Prosaliteratur ab 1880 mit Lesebeispielen“, in welchem sie sich mit Benares als Zentrum einer sich entwickelnden literarischen Öffentlichkeit des Hindi beschäftigten. Im Unterricht wurde anhand ausgewählter Texte die intellektuelle Geschichte des heutigen Varanasi nachgezeichnet. Die Studierenden erarbeiteten sich ein profundes Wissen über die Stadt, sowie die Diskurse und Ereignisse, die ihre jüngere Geschichte prägten. Themen wie das Leben und Werk des Bhakti-Dichters Kabir, die Erörterung sozialer Fragen in der Literatur und die Bedeutung Varanasis als eines der religiösen Zentren des Hinduismus wurden in der Exkursion aufgegriffen und vertieft.

    Programm in New Delhi

    Die Teilnehmer kamen am Vormittag des 12.02. in Delhi an und nutzten den Tag, um sich mit der näheren Umgebung vertraut zu machen, Geld zu wechseln und sich indische Telefonnummern zu besorgen. Das eigentliche Programm begann am 13.02. mit einem Besuch der Jawaharlal Nehru University. Die Studierenden lernten die Infrastruktur des Campus kennen, bevor um 15:00 Uhr eine festliche Willkommensveranstaltung am Special Centre for Sanskrit Studies stattfand.

    Dem Besuch der Würzburger, dem sich auch die betreuende Dozentin Dr. Barbara Lotz anschloss, waren zahlreiche Gastbesuche von JNU-Dozenten an der JMU Würzburg vorausgegangen, darunter Prof. Anvita Abbi (Centre for Linguistics), Prof. Janaki Nair (Centre for Historical Studies), Prof. Valerian Rodrigues (Centre for Political Studies), Prof. Amitabh Kundu (School of Social Sciences) und Prof. Ummu Salma Bava (School of International Studies). Der Gastgeber am Special Centre for Sanskrit Studies, Prof. Girish Nath Jha, hatte im Vorfeld ebenfalls einige Wochen in Würzburg unterrichtet und zeigte sich erfreut, unter den Studierenden auf bekannte Gesichter zu treffen. Auch kamen andere mit Würzburg im Austausch stehende Professoren der JNU, wie Prof. U.S. Bava, kurzfristig zur Veranstaltung dazu.


    Prof. Jha und andere Redner der Fakultät drückten ihre Freude über die produktive Zusammenarbeit mit der JMU Würzburg aus und äußerten die Hoffnung, bald auch deutsche Studierende an ihrem Institut begrüßen zu dürfen. Das anschließende Beisammensein bot den Studierenden beider Seiten die Möglichkeit, sich auf persönlicher Ebene kennenzulernen. Den hier geknüpften Beziehungen folgten zum Teil weitere Besuche nach Abschluss der Exkursion, sowie der Gegenbesuch einer indischen Studentin in Würzburg.

    Am 14.02. fand eine alternative Stadtführung durch Old Delhi statt, die von ehemaligen Architekturstudenten der Delhi School of Architecture organisiert und durchgeführt wurde. Das abwechslungsreiche Programm führte neben den bekannten „Highlights“ Jama Masjid und Chandni Chowk auch an von Touristen weniger frequentierte Orte. So umfasste der zu Fuß zurückgelegte Weg durch die traditionellen Mohallas der Altstadt u.a. Zwischenstopps an der Gedenkstätte für einen der wichtigsten Urdu-Dichter des 19. Jahrhunderts, Mirza Ghalib, an der im 17. Jahrhundert erbauten Fatehpuri Moschee, an Gewürz- und Blumenmärkten und an der für ihre zahlreichen Hindi-Buchhandlungen bekannten Straße Nayi Sarak.

     

    Detaillierte Erklärungen zu Bevölkerungsstruktur und Stadtplanung durch die engagierten Stadtführer, Interaktionen mit den Ladenbesitzern und eine Kostprobe der örtlichen Küche hinterließen einen nachhaltigen Eindruck bei den Teilnehmenden. Der einzigartige Kosmos Old Delhis konnte sich ihnen so in all seiner Dynamik auf einer neuen Ebene erschließen.

    Programm in Varanasi 

    Am 15.02. flog die Gruppe nach Varanasi, wo am 16.02. die eigentliche Exkursion begann. Das Programm wurde betreut und durchgeführt von der in Varanasi ansässigen Organisation INLANSO (Centre for the Study of Indian Languages and Society), bestehend aus den Gründern Dr. Mirja Juntunen und Prof. Deepak Malik sowie bei der Organisation angestellten Lehrkräften. Externe Experten teilten ihr Fachwissen im Rahmen von Vorträgen und Diskussionsrunden mit den Studierenden. Die Organisation stellte den Teilnehmenden Unterkünfte zur Verfügung, die in Laufweite zum nahe des bekannten Stadtteils Assi gelegenen Programme House lagen, wo der exkursionsbegleitende Unterricht und die Vorträge stattfanden. Der Kontakt zu INLANSO war 2012 während eines vom Lehrstuhl für Indologie organisierten internationalen Workshops in Würzburg zustande gekommen, der im Rahmen der „A New Passage to India“-Gastdozentur von Prof.  Anvita Abbi, JNU, organisiert worden war. Die große Erfahrung der Organisatoren im Bereich des kulturellen Austausches ermöglichte es, dass der Kurs direkt auf die Bedürfnisse der Würzburger Studierenden zugeschnitten werden konnte.

    Das auf zwölf Tage angelegte Programm war in sechs Themenblöcke unterteilt, in denen sich die Studierenden mit verschiedenen Aspekten des zeitgenössischen Indien auseinandersetzten (detaillierter Zeitplan im Anhang). Zu Beginn einer jeden Unterrichtseinheit erfolgte eine Einführung in das Thema durch die Lehrkräfte. Die Studierenden erhielten grundlegende Informationen, die ihnen ein vertieftes Verständnis des Themenkomplexes ermöglichten, bereiteten sich auf die Interaktion mit Experten und auf die im Rahmen von Outdoor-Aktivitäten stattfindenden Interviews vor.

    Das Herzstück eines Blockes bildeten die Vorträge namhafter Schriftsteller, Wissenschaftler und Sozialarbeiter, die ihr Wissen und ihren reichen Erfahrungsschatz mit den Teilnehmenden teilten. Hier hatten die Studierenden Gelegenheit, sich aus erster Hand mit fundierten Informationen zu den verschiedenen Themengebieten zu versorgen. Komplettiert wurden die meisten der Unterrichtseinheiten durch Aktivitäten, die außerhalb des Programme House stattfanden. Im Rahmen von Führungen und Gesprächen mit direkt Betroffenen hatten die Teilnehmenden die Möglichkeit, das erworbene Wissen anzuwenden und zu vertiefen. In der Nachbereitung schließlich wurden die Erkenntnisse besprochen, gebündelt und systematisiert.

    Der Themenkomplex „Heirat in Indien“ fiel zusammen mit dem hinduistischen Feiertag Shivaratri, der mythologischen Hochzeit des Gottes Shiva mit seiner Frau Parvati, sowie einer real stattfindenden Hochzeit im Umfeld der Organisatoren, deren Besuch man auch den Studierenden ermöglichte. Um auf die schwierige Lage verwitweter Frauen aufmerksam zu machen, folgte am nächsten Tag der Besuch eines Ashrams für Witwen, in welchem Frauen leben, deren Familie sie nach dem Tod ihres Ehemannes nicht mehr versorgen will oder kann. In Einzelgesprächen ließen sich die Studierenden aus dem Leben der Frauen erzählen und befragten sie nach ihrem Alltag im Ashram.

    Zwei Vorträge des Schriftstellers, Englischprofessors und LGBT-Aktivisten R. Raj Rao aus Mumbai, der eigens für seinen Beitrag zum Kurs angereist war, bildeten den Hauptteil des Themenbereichs „Alltags-Hindi“. Er gab Beispiele zur Vermischung von Hindi und Englisch in seinem Roman The Boyfriend und in der gesprochenen Sprache Mumbais und Nordindiens und äußerte sich auch zur Stellung von Homosexualität im öffentlichen Diskurs Indiens.

     

    Mit dem Hindi der Rikshafahrer von Varanasi konnten sich die Studierenden vertraut machen, als sie diese im Rahmen eines an INLANSO angegliederten Projektes zu ihren Lebensumständen interviewten. Die literarische Seite des Hindi lernten die Teilnehmenden im Rahmen einer Dichterlesung des preisgekrönten Lyrikers Gyanendra Pati kennen.

    „Kaste und Unberührbarkeit“, nach wie vor ein drängendes Thema in der indischen Gesellschaft, brachte den Studierenden der niederländische Geistliche Father Francis näher. Er lebt seit vielen Jahrzehnten in Varanasi und hat sich besonders der Verbesserung der Lebensumstände der Dalits verschrieben, durch deren Wohnsiedlung er die Studierenden im Anschluss an seinen Vortrag führte. Viele Teilnehmende schätzten diese Möglichkeit, Einblicke in eine Lebenswelt zu erhalten, die ihnen bisher verborgen geblieben war.

    Über die Problematik der Mitgift informierte Prof. Ranjanna Sheel von der Banaras Hindu University. Nach dem Vortrag trafen sich die Studierenden mit Frauen aus unterschiedlichen sozialen Schichten und ließen sich deren Geschichten erzählen. Einen Vergleich zur Situation in Deutschland zogen sie am nächsten Tag mit den Lehrkräften im Unterricht.

    Die muslimische Gemeinschaft Varanasis lernten die Teilnehmenden am Beispiel der Weber kennen, welche traditionelle und indienweit bekannte Seidensaris herstellen. Abdul Bismillah aus Delhi sprach im Vortrag von der Zeit, in der er als junger Mann in einer Weberfamilie lebte, und von deren Sorgen und Nöten, ausgelöst durch das rasche Verschwinden des traditionellen Handwerks und dem damit einhergehenden Verlust der Lebensgrundlage. Seine Erfahrungen fanden Eingang in den Roman Song of the Loom, aus dem er der Gruppe vorlas. Auch der legendäre Bhakti-Heilige Kabir, der im Varanasi des 15. Jahrhunderts lebte und wirkte, entstammte einer Weber-Familie. Heute wird sein Andenken im Kabir Math, einer klosterähnlichen Anlage, verwaltet, dem die Teilnehmenden im Anschluss an den Vortrag einen Besuch abstatteten. Im offenen Austausch mit den Bewohnern konnten sie sich ein Bild vom Leben im Math verschaffen.

    Neben der Vermittlung der einzelnen Spezialgebiete bemühten sich die Organisatoren auch, den Studierenden ein umfassendes Bild Varanasis als lebendigem, sich stetig wandelndem Lebensraum zu vermitteln. Die historische Entwicklung des Ortes, seine Dimension als eines der spirituellen Zentren des Hinduismus und die im Alltag gelebte Multireligiosität behandelte Deepak Malik in einem Vortrag ganz zu Beginn des Kurses. Durch die Unterbringung im zentral gelegenen, dynamischen Viertel Assi hatten die Teilnehmenden zudem die Möglichkeit, jederzeit selbst auf Entdeckungsreise zu gehen und am Leben der Menschen teilzunehmen. Die Veranstalter organisierten eine Bootsfahrt entlang der weltberühmten Ghats, führten die Studierenden an weniger bekannte Plätze und ermunterten sie dabei stets, auf die vielfältigen Bewohner der Stadt zuzugehen und mehr über deren Kultur, Lebensweise und Sprache zu lernen.

     

     

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